Westfälische Stollentruhe der Frührenaissance

Westfalen, um 1500-1550

Eichenholz mit Eisenbeschlag und Bildhauerarbeit.

Höhe: 98,5 cm
Breite: 175 cm
Tiefe: 61 cm Inv. Nr.: 2058

Provenienz: Alte Privatsammlung Frankfurt a.M.

Die mit parallel geführten Eisenbändern beschlagene große Truhe steht auf den Korpusseiten, den so genannten Standseitenstollen. Der Standseitenausschnitt in Form eines doppelten Rundbogen. Die frontalen Blendfüße mit Flachschnitzerei. Die Wände und der Boden sind aus je zwei, der Deckel aus zwei kräftigen Bohlenbrettern mit sorgfältig gehobelter Oberfläche gefertigt, untereinander stumpf gestoßen und gedübelt. Als Zierrat begleitet Deckelvorder- und die Frontunterkante ein Stabprofil. Innenseite links mit Beilade und Klappdeckel. Von den neun Deckelbändern sind drei zugleich Scharnierbänder, die auf der Rückseite bis zum Truhenboden geführt sind; das mittlere ist zudem auch Überwurfband für das zentral eingelassene, aufwendig gestaltete und funktionsfähige ‚Schmetterlingsschloß’. Unter der Anlege des Überwurfs ein stilisiertes sechsspeichiges Wagenrad (wohl das ‚Osnabrücker Rad’1) .

Eisenbeschlag

Eine Besonderheit der vorgestellten Stollentruhe ist der reiche Bandbeschlag, der in seiner Kunstfertigkeit auf eine bereits im 15. Jahrhundert hochentwickelte Tradition der Eisenverarbeitung hinweist. Außerordentlich dicht parallel angeordnete Eisenbänder, die in Kreuzblumendekor enden, prägen das eindrucksvolle Erscheinungsbild dieses seltenen Möbels. In regelmäßigen Abständen sind Eisennägel in die Bänder eingelassen, deren Köpfe die Bänder ornamental gestalten, zum Teil Reste von einer ursprünglichen Verzinnung auf dem Beschlagwerk.

Der Beschlag dieser Truhe wurde vornehmlich nicht nach funktionalen Erfordernissen konstruiert, sondern diente der Dekoration und war vor allem Statussymbol. Denn Eisen war zu jener Zeit ein sehr kostbares Material. Das Prunkmöbel sollte den herausgehobenen Status seines Besitzers hervorheben. Derartige Stollentruhen wurden von hochgestellten Persönlichkeiten des Adels, des Klerus und des Stadtpatriziats in Auftrag gegeben.

Stollendekor

Die Abkehr von der geschnitzten Truhe zugunsten des reichen Bandbeschlages vollzog sich in Westfalen in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Aber auch jetzt musste man nicht ganz auf Schnitzwerk verzichten. Für Bildhauerarbeiten boten sich seitdem die Schauseiten der Stollenfüße an[2]. Aufwendig gearbeitete Truhen mit dichtem Bandbeschlag und geschnitztem Stollendekor waren absolute Luxusmöbel von besonderer Seltenheit. Die Kombination von bildnerischer Schnitzarbeit und üppigem, fein geschmiedetem Eisenwerk sind Kennzeichnen der qualitätvollsten Stücke.

Die Stollenfüße der hier vorgestellten Truhe schmückt jeweils ein fein geschnitztes Flachrelief in Form eines Kreismedaillons mit einem weiblichen und einem männlichen Brustbild gekleidet à la mode und weisen diese Truhe als Hochzeitstruhe aus. Links ein Bärtiger mit Hut und rechts eine Frau mit Halskette und modischer Haube. Die Medaillons sind eingebunden in einem hochstehendem Rechteck und sind von Ranken und Blattwerk umgeben. Die Stollen enden in einem Karniesbogen, wie man ihn aus der spätgotischen Architektur kennt.

Erhaltungszustand

der Truhe ist dem Alter entsprechend außerordentlich gut und zeichnet sich aus durch seine historische Patina. Die Rote Fassung im Truheninneren aus späterer Zeit. Der Überfallriegel und der Schlüssel sind ergänzt. Der Schlossmechanismus hat sich original erhalten und ist funktionsfähig. Besonders hervorzuheben ist die originale Länge der Stollen die sich hier erhalten hat, denn oft sind die Stollen durch Feuchtigkeit geschädigt und im Verlauf der Zeit gekürzt worden.

 

Literatur zum Vergleich

  • Baumeier, Stefan, Beschlagene Kisten; Die ältesten Truhen Westfalens, Essen, 2012.
  • Falke, Otto von, Deutsche Möbel des Mittelalters und der Renaissance, Stuttgart, 1924.
  • Kreisel, Heinrich, Die Kunst des deutschen Möbels, Von den Anfängen bis zum Hochbarock, München, 1968, Band I.
  • Stülpnagel, Karl Heinrich von, Die gotischen Truhen der Lüneburger Heideklöster, Cloppenburg, 2000.
  • Windisch-Graetz, Franz, Möbel Europas, Band I, Von der Romanik zur Spätgotik, München, 1982.

 

[1] Das Osnabrücker Rad: das Rad der Bischöfe von Osnabrück ist das im Landkreis Osnabrück am häufigsten verwendete Wappenzeichen. Es entstand um das Jahr 1200 und wird als Teil des „Wagens Gottes“ (currus Dei) gedeutet, den Thronwagen, und damit für die christliche Kirche insgesamt. Als Symbol für Evangelien und Kirche ist es nach mehrheitlicher Auffassung auf die Vision des Propheten Hesekiel im Alten Testament zurückzuführen. Das Rad als Münzzeichen des Hochstifts Osnabrück ist schon seit dem 13. Jahrhundert in den Siegeln nachzuweisen.

[2] Baumeier, Seite 57